Portrait Of An Independent Music Label

Das Troisdorfer Rockmusik-Label »Blunoise« existiert bereits
seit Mitte der Neunziger und wirkte seither am Fortschreiten
einer experimentellen deutschen Musiksubkultur wesentlich
mit. Das Label entstand vor allem durch den Enthusiasmus
des Musikers und Labelgründers Guido Lucas sowie einer
handvoll Musiker, die zwar musikalisch unterschiedlich,
doch in ihrer Einzigartigkeit ähnlich waren.

Besonders ist Blunoise vor allem durch seine eigenwilligen
Bandsund eine ebenso eigene Klangästhetik.
Dieser Blunoise-Sound ist dabei kaum zu trennen von der
Person Guido Lucas, der als Produzent das klangliche
Gesamtbild jeder Veröffentlichung wesentlich mitgestaltet.

Dreizehn Jahre Blunoise Records

Etwa 35 Bands mit insgesamt über 50 Veröffentlichungen
machten Blunoise zu einer der bedeutendsten deutschen
Plattformen für abseitige Gitarrenmusik ein Pool für all jene
Musiker, die der Rockmusik einen neuen Klang geben wollen.

Das Label agiert seit seiner Entstehung in einem
überschaubaren Rahmen mit etwa gleich bleibendem Erfolg
und ohne Zuwachs an Manpower. Dies liegt einerseits an
den Eigenheiten des deutschen Musikmarkts, der sich
deutlich vom englischen und amerikanischen unterscheidet.

Andererseits erwies es sich als Hürde, dass der menschliche
und kreative Aspekt bei einem solchen Underground-Label
stark in den Vordergrund rückt und dadurch interne und
externe Konflikte enormen Einfluss auf die Entwicklung
hatten oder diese
gar behinderten.

Der Aufbau einer internen Organisation scheitert in einem
solchen Verbund von Individualisten oft an der Schwierigkeit,
deren Interessen und Zielsetzungen zu homogenisieren
und trotz kommerzieller Grenzen den Idealismus über viele
Jahre aufrecht zu erhalten.

Es sind bei alledem aber gerade diese Menschen und ihre
unterschiedlichen Charaktere, die das Produkt und die
Philosophie einer solchen Kreativ-Institution ausmachen.
Sie genießen und nutzen ihre Freiheiten und werden
insbesondere deshalb von einem sehr spezialisierten
Publikum gehört und geliebt.

Um dies zu erreichen, gingen viele Blunoise-Bands in ihrer
frühen Schaffensphase kaum kreative Kompromisse ein
als größter Erfolg galt ihnen häufig die eigene künstlerische
Integrität und ihre kreativen Ziele.

Im Laufe der Jahre formte sich jedoch bei vielen der Wunsch,
wenn schon nicht das große Geld, so doch zumindest einen
soliden Lebensunterhalt zu erwirtschaften.
Immerhin zehn Bands zerbrachen u.a. an dieser Hürde und
lösten sich auf in einigen anderen wuchs die Bereitschaft,
Kompromisse einzugehen.

Dies machte sich auch in der Philosophie von Bands und
Label bemerkbar, was zwangsläufig zu Kontroversen führte.
Ein Underground-Label bewegt sich in dieser Hinsicht auf
einem schmalen Grat: Es muss sich der Kommunikations-
formen der Majors bedienen, darf dabei aber nicht an
Authentizität einbüßen, um zu funktionieren.

Tatsächlich begann die Glaubwürdigkeit mancher Bands
bei den Fans zu bröckeln. Im Zuge einer oft dogmatischen
Abkehr vom »Mainstream« wurden kommerzielle Anklänge,
und seien sie auch noch so subtil oder sogar Teil einer
kreativen Weiterentwicklung, stets sehr kritisch
wahrgenommen oder sogar abgelehnt. Für neun von
insgesamt etwa 30 Bands gab es nur einen Schritt hinaus
aus diesem Dilemma: Weg von Blunoise und hin zu
anderen Plattformen oder Labels, bei denen sie sich neu
definieren konnten. Zwei schafften sogar den Sprung
zum Major.

Trotz alledem halten einige der Bands, wie etwa »Pendikel«
oder » Nicoffeine« Blunoise die Treue. Zwischen 1995 bis 2008
machten etwa 35 Bands mit insgesamt über 50 Veröffentlichungen
Blunoise-Records in Deutschland zu einer Marke für das Besondere.

Heute hat Blunoise zehn aktive Bands und mehrere musikalische
Projekte und man ist in kleinem Rahmen aktiver denn je, um
weiterhin experimentelle Musik veröffentlichen zu können.

Soheyl Nassary / 2005